Was ich als Diversity-Texterin 2020 gelernt habe


Neues Jahr, neues Glück – und doch werfe ich gern noch einen Blick zurück. Reflektieren ist in der Diversity-Arbeit ganz besonders wichtig. Für mich als Dienstleisterin, aber auch für alle, die gesellschaftliche Vielfalt verstehen und nutzen wollen.

2020 hatten wir alle wohl mehr gemeinsam als in jedem anderen Jahr – und zwar auf der ganzen Erde. Viele sagen, dass ihnen das Jahr ungewöhnlich kurz vorkam (es hat doch gerade erst angefangen?) und sich zugleich unendlich in die Länge zog. Obwohl mir zum Beispiel einige ziemlich aufregende Dinge passiert sind, gab es doch immer wieder lange Wartezeiten, die den Verstand auf die Probe stellten … Vielleicht ging es dir ja auch so?

Aus der Rückschau können wir lernen und auch entnehmen, was wir bereits gelernt haben. Die persönliche Entwicklung jedes Jahres zu analysieren, finde ich spannend. Deshalb möchte ich dich auch dieses Mal wieder an meinen Learnings teilhaben lassen. Erzähl doch in den Kommentaren, was du dieses Jahr gelernt, wovon du profitiert hast und welche Tiefen deine Höhen begleitet haben! 

Ein sanfter Start

Im Januar, als die Jahrespläne noch realistisch schienen, startete ich zugleich mit dem Wunsch nach mehr Gelassenheit und dem nach größeren Abenteuern. Viel ist zu der Zeit nicht passiert – meine Vorhaben, wie die Ausbildung zur Diversity-Trainerin oder kleine Reisen, bezogen sich alle auf das Frühjahr und den Sommer. Ich fühlte mich ein bisschen wie in einer Warteschleife – da wusste ich ja noch nicht, was uns alle erwarten würde.

Also verbrachte ich den Jahresbeginn mit Kleinigkeiten, erstellte beispielsweise eine neue Newsletter-Willkommensserie und dachte viel darüber nach, wo(für) ich stehe und welche Richtung ich einschlagen will. Mich beschäftigte und frustrierte die mangelnde Fehlerfreundlichkeit in meinem Bereich und ich fühlte mich (wieder einmal) nicht zugehörig zu dieser feministischen Blase und Diversity-Community. Mit der Zeit hat sich dieses Gefühl zumindest ein wenig verändert, ich habe an Verständnis gewonnen und bin daran gewachsen – deshalb ist unsere Fehlerkultur auch mein Thema für diesen Januar 2021.

Und dann: Abenteuer mit Karacho

Meinen Drang nach Abenteuer sollte ich bald als töricht verfluchen, denn ab Mitte Februar ging alles drunter und drüber! Höchste Höhen im beruflichen und tiefe Tiefen im Privatleben knallten aufeinander und ich hatte keine Ahnung, wie ich das alles verarbeiten sollte. Meine Jahresstimmungskurve zeigt im Februar deshalb ein schickes Zickzack-Muster. Was passiert ist? Nun ja: Eines Morgens wachte ich auf, schaute auf mein Handy und erblickte eine E-Mail mit dem Betreff „Wir möchten Sie als Buchautorin gewinnen“. Ja klar, dachte ich, komischer Spam, warum ist der nicht rausgefiltert worden? Doch dann öffnete ich die E-Mail und damit ein Fass, dessen Ausmaße ich gar nicht abschätzen konnte …

Natürlich bedeutet so eine Anfrage nicht: Hallo, Sie schreiben jetzt ein Buch! Sondern: Hallo, überzeugen Sie uns bitte erst mit Ihrem Exposé und reichen Sie dann noch ein Probekapitel ein. Und: Warten Sie gefühlt bis in alle Ewigkeit! Denn die Verlagsmühlen mahlen laaaangsam. Zumindest für alle, die so ungeduldig sind wie ich.

Ich schrieb also mit Hilfe guter Freund*innen ein Exposé, schickte es ab und dann hatte mich schon das nächste Abenteuer: meine Ausbildung zur Diversity-Trainerin Teil I. Es war die letzte Woche vor dem Lockdown, in der ich mich auf eine kleine, sichere Diversity-Insel zurückzog und von der Außenwelt kaum etwas mitbekam. So eine Ausbildung ist nämlich intensiv und anstrengend, erfordert viel Auseinandersetzung mit sich selbst und nahm mich vollkommen ein.

Lucia steht im Grünen und riecht an der weißen Blüte eines Baumes.
Der Frühling blühte und trotz allem, was die Welt in Atem hielt, gab es schöne Momente wie diesen.

Atempause

Die nächsten zwei Wochen verbrachte ich bei meiner Partnerin in Hamburg und ich muss sagen, trotz aller Unsicherheit war das eine schöne lange Zeit, zu der wir sonst selten Gelegenheit haben. Der Grund war natürlich bitter, als Veranstaltungstechnikerin am Theater ist Anna bis heute durch die Einschränkungen belastet. Und auch ich hatte im Frühjahr mit einem finanziellen Einbruch zu kämpfen. Und in dieser ganzen komischen Zeit bekomme ich am 1. April die Nachricht, dass mein Buch tatsächlich entstehen soll – kein Scherz!

Lucia steht draußen im Grünen und zeigt auf ein ins Bild gephotoshopptes Letterboard mit der Aufschrift: Ich schreibe ein Buch.
Im Mai konnte ich es endlich verkünden: Ein Buch würde entstehen …

Ein Buch schreiben in drei Monaten

Zuerst war sie erholsam, doch so langsam nervte die Warterei mich wieder. Mitte Mai dann unterschrieb ich den Verlagsvertrag und war nun offiziell „Autorin to be“. In den drei Monaten des Schreibprozesses hat meine Jahresstimmungskurve die Form einer Hängematte – was eben nicht heißt, dass es eine sonderlich entspannte Zeit war. Ganz besonders nicht, wenn Ängste und Selbstzweifel alte Bekannte sind. Die sind in der zweiten Jahreshälfte zu riesigen Gestalten geworden – eine hinter jeder Schulter.

Trotz dieser düsteren Begleiter*innen war es Ende Juli geschafft – die Jahresstimmungskurve erreicht hier ihren Höhepunkt. Ein Buch in nur drei Monaten schreiben neben voller Brotarbeit – das mache ich sicher nicht nochmal. In etwas moderaterem Tempo entsteht aber sicherlich noch mindestens eines, zu dem mich das Jahresende inspirierte …

Zunächst geht es jedoch weiter mit zwei zu Hause verbrachten Ferienwochen im August. Meine Partnerin bekam genau pünktlich vor dem eigentlich gemeinsam geplanten Urlaub ihren Aufnahmetermin in einer psychosomatischen Klinik, eine dreimonatige Erfahrung, über die sie selbst bloggt. Bis Mitte September passierte dann nicht viel, außer dass ich die lektorierten Kapitel bekam und die Änderungen einarbeitete. Wieder ein Schritt in Richtung: „Das Buch wird Realität! “

Lucia und ihre Partnerin Anna stehen am Wismarer Hafen und lächeln in die Kamera
Kein langer Urlaub zu zweit dieses Jahr, aber einen kurzen Trip ans Meer konnten wir unternehmen.

Diversity-Trainer*in werden: „Wartet nicht zu lange, legt los!“

Was eigentlich aus der Ausbildung zur Diversity-Trainerin geworden ist? Die zweite Woche konnte natürlich aus den bekannten Gründen nicht wie geplant im April stattfinden. Erst in der zweiten Septemberhälfte ging es endlich weiter. Den Blogartikel dazu schulde ich dir leider immer noch. Jedenfalls durfte ich wieder einmal viel lernen, eigene Trainingsübungen durchführen und über das hinauswachsen, was andere von mir erwarten bzw. mir (nicht) zutrauen. Manchmal möchte man ihnen doch die Zunge rausstrecken, den Menschen, die immer wieder Mauern in den Weg bauen, indem sie sagen: Das kannst du nicht!

„Jetzt seid ihr Trainer*innen, jetzt könnt ihr diese Mauern, die euch im Weg standen, für andere einreißen!“, sagte einer der Ausbilder*innen, nachdem ich diesen Gedanken geteilt hatte. Und ich dachte: „Oh Gott, wie peinlich!“, weil ich mich plötzlich als bedauernswertes Beispiel viel zu sehr im Mittelpunkt fühlte. Aber auch am schlimmsten Pathos ist wohl immer etwas dran. Die Aussage, die in der Überschrift dieses Abschnitts steht, nahm ich mir jedoch gleich zu Herzen: Schon Mitte Oktober gab ich meinen ersten Online-Workshop Gendern leicht gemacht, der 2021 als zweiteilige Workshop-Reihe in die nächste Runde gehen wird.

Lucia hält ihr Zertifikat der Ausbildung zur Diversity-Trainerin in der Hand und lächelt in die Kamera.

Ein böses Erwachen

Der November ging so an mir vorbei, obwohl auch er einiges zu bieten hatte. Zwei Interviews – eins davon für den mind&stories-Podcast von Jessica – einige Erstgespräche, der erste Diversity-Stammtisch mit den Mitausgebildeten und der Blick auf das gesetzte Manuskript meines Buches, ja, das ist schon mehr als nichts. Anfang Dezember sollte ich dann die endgültige Druckfreigabe geben. Und weil ich sowieso nichts Inhaltliches mehr hätte ändern können und es mir alle in meinem Umfeld rieten, machte ich nicht noch einen dritten (oder vierten?) Durchgang der bereits gesetzten Version.

In der letzten Woche vor meinem Weihnachtsurlaub bekam ich dann zunächst hilfreiches Feedback zu meinen Blogartikeln und meiner Kommunikation. Was alles so falsch war, kannst du in meiner neuen Fehlerdokumentation nachlesen, die ich auch in Zukunft weiter pflegen werde. Ich werde nicht weiter ins Detail gehen, doch lass mich so viel sagen: Die Woche hatte es in sich und das Universum schien mich zum Jahresende noch einmal so richtig in den Hintern treten zu wollen. Manchmal ist so ein Tritt ja notwendig – so versuche ich es zumindest zu sehen. Er hat mir viel gezeigt – vor allem, wie ich selbst mit Fehlern und Kritik umgehe und dass das vielleicht mehr mit unserer Fehlerkultur als mit mir selbst zu tun hat.

Ich bin womöglich ein bisschen extrem, aber es fällt mir enorm schwer, mir selbst zu verzeihen. Und so wuchsen die Ängste und Zweifel, die ja durch das Buch sowieso schon viel größer geworden waren, ins Unermessliche. Viele von uns haben gelernt: Wenn ich einen Fehler mache, bin ich ein schlechter Mensch. Wenn ich Diversity machen will, muss ich doch aber ein guter Mensch sein!

Spoiler: Menschen lassen sich nicht in Gut und Böse einteilen. Wir alle haben mehrere Schichten. Auch das ist Diversity.

Meine größten Lernerfolge

Vielleicht war diese letzte Dezemberwoche meine größte Lernerfahrung überhaupt in diesem Jahr. Und ich bin all jenen dankbar, die mich aufgefangen haben, ohne die Inhalte zu trivialisieren: ein paar Menschen von Instagram, den Leuten vom Diversity-Stammtisch und natürlich meiner Partnerin und meinen Freundinnen. Diese Erfahrung hat mich durchgerüttelt und mir die Richtung gezeigt, in die ich 2021 gehen möchte: Fehlerfreundlichkeit wird zu meinem großen Fokusthema in diesem Jahr.

Die größten Lernerfolge entstehen eben oft nicht aus den augenscheinlichen Erfolgen wie Geld, Ruhm, Bekanntheit, Spaß an der Arbeit, Selbstverwirklichung oder „Glück“. Die haben wir in ganz anderen Situationen: wenn es uns schlecht geht, wir verzweifelt sind, nicht mehr weiterwissen, Angst und Schuldgefühle haben, uns schämen oder hassen oder von anderen gehasst werden. In den unangenehmen Gefühlen steckt so viel Kraft! Nutzen wir sie, statt sie zu verdrängen, Fehler zu vertuschen, unser Ego zu polieren und uns als die besten, moralisch überlegensten Menschen zu inszenieren. Diese Menschen gibt es eigentlich gar nicht – jedenfalls nicht nur so.

Gut, das war ein Learning. Hier sind noch ein paar mehr:

  • Ich kann ein ganzes Buch schreiben, was ich niemals gedacht hätte – eine gute Gliederung ist alles.
  • Viele Menschen finden meine Offenheit gut und hilfreich, wie die Reaktionen auf meinen letzten Newsletter zeigen.
  • Ich kann hilfreiche Workshops halten, die sogar als Rundum-sorglos-Paket wahrgenommen und geschätzt werden.
  • Angst ist nicht tödlich und muss auch kein Erfolgshindernis sein.
Auf einem Felsen ist eine kleine Hexe abgebildet, die auf einem Besen fliegt. Es handelt sich um das Naturdenkmal Hexenküche im Tecklenburger Wald.
Lass uns losfliegen in ein neues Jahr, vielleicht in eine neue Richtung – hin zu einer Vielfalt wertschätzenderen Welt.

Ausblick

Das war mal ein Jahr, oder? Zumindest in mancher Hinsicht hat das Warten 2021 hoffentlich ein Ende. Mein erstes Quartal ist geplant und kann hoffentlich genauso umgesetzt werden, wie ich es mir wünsche. Ich möchte zum ersten Mal monatliche Fokusthemen ausprobieren, die ich dir zum Schluss noch kurz vorstelle.

Januar: Fehlerfreundlichkeit

Ich setze meine Dezember-Learnings um und wir beschäftigen uns mit den Fragen:

  • Wie gehen wir mit eigenen Fehlern um?
  • Wie geben und nehmen wir Feedback?
  • Was tun, wenn ich jemanden diskriminiert habe?

Ende des Monats wird es dazu ein Mini-Training zum Thema „Ich habe diskriminiert“ geben. Wir schauen uns an, wo wir schon einmal diskriminiert haben und wo wir vielleicht selbst diskriminiert wurden. Aus der bewussten Auseinandersetzung mit unseren Erfahrungen und Gefühlen leiten wir uns gemeinsam her, wie wir in Zukunft besser mit unseren eigenen Fehlern und denen der anderen umgehen können. Am besten trägst du dich für meinen Newsletter ein, um mehr darüber zu erfahren.

Februar: Gendern

Am 3. Februar 2021 erscheint mein Buch „Richtig gendern für Dummies“ (du kannst es in den gängigen Buchgeschäften bereits vorbestellen). Passend dazu wird auch mein zweiteiliges Workshop-Programm Gendern leicht gemacht wieder stattfinden.

Jetzt mehr erfahren

März: Mental Health

Ich habe schon einmal einen Beitrag mit Tipps zum Umgang mit seelischer Gesundheit im Arbeitskontext und einen zu Mental Health aus Diversity-Perspektive geschrieben. Das Thema möchte ich im März gern gemeinsam mit dir vertiefen und folgenden Fragen auf den Grund gehen:

  • Wie spreche ich richtig mit und über Menschen mit seelischen Erkrankungen und Behinderungen?
  • Wie wirkt sich Mental Health auf Arbeit und Selbstständigkeit aus?
  • Wie können wir die Arbeitswelt gesünder für die Seele machen?

Verfolgen kannst du meinen Content zu diesem Thema wie immer hier auf dem Blog, über meinen Newsletter oder auf Instagram oder Facebook. Klingt gut? Dann freu ich mich, dir auch in diesem Jahr wieder in der Kommentarspalte, meinen E-Mails, meinen Workshops oder einem kostenlosen Erstgespräch zu begegnen!

Wie war dein Jahr? Schreib mir doch in die Kommentare, was du so erlebt und gelernt hast! Ich freue mich auf unseren Austausch!

Meine Jahresstimmungskurve mit viel auf und ab.
Und das ist sie, meine Jahresstimmungskurve 2020.