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Zur Kritik am Gendern mit Doppelpunkt

Titel des Blogbeitrags „Zur Kritik am Gendern mit Doppelpunkt“ auf blauer Bauchbinde. Hintergrund: Eine weiße PC-Tastatur, zwei Stifte und ein Schreibblock liegen auf einem hellrosafarbenen Untergrund.

Die einzig wahre, richtige Art zu gendern gibt es nicht, weil alle ihre Vor- und Nachteile haben. Trotzdem wird natürlich immer wieder darüber diskutiert, welche Variante denn nun die einzig wahre richtige ist. Im Moment verbreitet sich vor allem im Internet das Gendern mit Doppelpunkt. Auch ich habe das Sternchen vor einiger Zeit durch den Doppelpunkt ausgetauscht, weil dieser als screenreaderfreundlicher galt. Doch aktuell wird vor allem auf Twitter Kritik am Gendern mit Doppelpunkt laut – sowohl von Menschen, die selbst Screenreader und Sprachausgabesoftware nutzen, als auch aus der nichtbinären Community. Was genau kritisiert wird, was das jetzt für dich und dein Schreiben bedeutet und welche Alternativen es zum Doppelpunkt gibt, erfährst du in diesem Beitrag.

Wo kommt der Gender-Doppelpunkt eigentlich her?

Mir persönlich ist das Gendern mit Doppelpunkt zum ersten Mal 2016 in einem Artikel von kleinerdrei.org begegnet. Darin war Barrierefreiheit allerdings noch nicht das Thema; der Doppelpunkt wurde lediglich als eine mögliche von verschiedenen Sonderzeichenvarianten vorgestellt.

Zum ersten Mal im größeren Stil war der Gender-Doppelpunkt wohl 2015 auf der Website des Fusion-Festivals zu sehen. Inzwischen wird er oft als gleichwertige Alternative zu Gendersternchen und Unterstrich genannt. So kommt er auch im „Handbuch geschlechtergerechte Sprache“ vom Dudenverlag, im Praxishandbuch „Wie schreibe ich divers? Wie spreche ich gendergerecht?“ von Lann Hornscheidt und Ja’n Sammla sowie in meinem Buch „Richtig gendern für Dummies“ vor.

Ich gehe im Kapitel zum barrierefreien Gendern konkret darauf ein, dass der Doppelpunkt ebenso wie andere Sonderzeichen (z. B. Mediopunkt oder einfaches Kodierungszeichen) von den meisten Screenreadern nicht mitgelesen wird. Vergessen habe ich dabei, dass diese schmalen, unauffälligen Zeichen von Menschen, die nicht so scharf sehen können, oftmals überlesen werden. In digitalen Texten empfehle ich im Buch, Sternchen und Unterstrich zu vermeiden. Ich weise aber auch darauf hin, dass es unterschiedliche Softwares gibt und sich diese oft individuell einstellen lassen. Doch eine einheitliche Empfehlung kann zu diesem Thema eigentlich gar nicht gegeben werden…

Wie barrierefrei der Doppelpunkt wirklich ist

Das Gendern mit Doppelpunkt ist nicht die Wunderlösung für eine barrierefreie und geschlechterinklusive Sprache. In diesem Punkt zumindest sind sich alle einig. Jürgen Schwingshandl weist in seinem Artikel zum Thema auf die etwas längere Pause hin, die beim Gendern mit Doppelpunkt gelassen wird: Sie ist so lang, dass Hörende meinen könnten, der Satz oder Absatz wäre schon zu Ende. Der Doppelpunkt reißt das Wort (z. B. Leser:

innen) also weit auseinander – und bietet damit keinen großen Vorteil. Das Sternchen sieht Jürgen Schwingshandl aber auch kritisch, da es nicht nur oft mit vorgelesen wird, sondern auch noch andere Funktionen hat – z. B. als Markierung für Pflichtfelder in Formularen oder als Platzhalter. Besser scheint der Unterstrich zu funktionieren, der von vielen Softwares bereits nicht mehr mitgelesen wird oder sich leicht stummschalten lässt.

Heiko Kuhnert steht dem Sternchen weniger kritisch gegenüber – genauso wie auch meine Testleserin des Buchkapitels über Barrierefreiheit sich nicht an vorgelesen Sonderzeichen stört. Er weist in seinem Artikel darauf hin, dass es zum Thema Gender-Doppelpunkt nun einmal keine einheitliche Meinung gibt. Auch sieht er die Screenreader-Entwickler_innen in der Pflicht, die Software den Gegebenheiten anzupassen. Das ist allerdings nicht mal so eben umgesetzt – schließlich gibt es verschiedenste Softwares, häufig aus dem US-amerikanischen Raum; teilweise werden sie auch gar nicht mehr geupdatet.

Unabhängig davon, wie Screenreader-Softwares damit umgehen, ist Gendern mit Sonderzeichen jedoch nie barrierefrei, wie ich auch in meinem Artikel zum barrierefreien Gendern schreibe. Nicht nur in Leichter und Einfacher Sprache, sondern beispielsweise auch für Menschen, die unscharf sehen, sowie Autist_innen sind Sonderzeichen problematisch. Sehr ausführlich wird auf die Barrieren der jeweiligen Varianten in einem Artikel von karlabyrinth.org eingegangen. Du merkst also schon: So einfach, wie es viele von uns gerne hätten, ist das mit dem Gendern leider nicht.

Kritik am Gendern mit Doppelpunkt aus nichtbinärer Perspektive

Kritik am Doppelpunkt gibt es auch von den Menschen, die mit dem Sonderzeichen ja eigentlich sichtbar gemacht werden sollen. Aber stammt das Gendern mit Doppelpunkt überhaupt aus der queeren und nichtbinären Community? Ich weiß es nicht genau, aber einige empfinden es als Fremdzuschreibung, mit der sie nicht einverstanden sind. Ein Argument, über das ich anfangs auch nachdachte, ist die Symbolik der zwei Punkte, die dem Verlassen der Binarität aus zwei Geschlechtern doch eigentlich widerspricht. Auf der anderen Seite standen zunehmende Kritik an der Sternchenbarriere und die Beobachtung, dass einige nichtbinäre Menschen den Doppelpunkt gern für sich nutzten.

Es gibt nach wie vor auch innerhalb der nichtbinären Community unterschiedliche Haltungen zum Gendern mit Doppelpunkt. Diejenigen, die ihn kritisieren, empfinden ihn jedenfalls nicht als geschlechterinklusiv. Hinzu kommt, dass der Doppelpunkt beispielsweise vom konservativ-christlichen SPRING Festival bewusst als binäre Schreibweise verwendet wird – wie in diesem Twitter-Thread besprochen. Die Ideen zum Gendern mit Sternchen oder Unterstrich sind im Gegensatz zum Doppelpunkt jedenfalls definitiv aus der queeren Community heraus entstanden. Bei diesen Varianten besteht meines Wissens auch Einigkeit darüber, dass sie alle Geschlechter einschließen sollen.

Der Unterstrich wurde 2003 in einem Essay des Sprachwissenschaftlers Steffen Hermann vorgestellt – die Lücke symbolisiert Raum für alle Geschlechter jenseits der Binarität aus Mann und Frau. Das Sternchen kam 2009 auf und hat eine sehr schöne Symbolik: die in alle Richtungen zeigenden Zacken stehen für Geschlechtervielfalt. Mehr zu den Hintergründen ist in diesem Twitter-Thread von Freddy Wenner zu lesen.

 

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Ein Beitrag geteilt von Lucia Clara Rocktäschel (@diversity_texterin)

Ist es jetzt falsch, mit Doppelpunkt zu gendern?

Keine der aktuell geläufigen Arten zu gendern ist perfekt, keine schließt wirklich alle ein. Sonderzeichen sind Krücken, auf die wir in einer stark binär gegenderten Sprache wie der unseren angewiesen sind. Persönlich finde ich Ideen zu neutralen Endungen und Neopronomen interessant – aber diese dürften schwer durchzusetzen sein und sind wiederum in der Regel nicht barrierefrei.

Nicht vergessen sollten wir dabei, dass nicht nur Sprache Realität formt, sondern auch umgekehrt gesellschaftliche Normen beeinflussen, welche Bedeutung wir bestimmten Worten zuschreiben. Lebten wir in einer Welt, in der tatsächlich alle Geschlechter gleichberechtigt wären, würden wir das generische Maskulinum vielleicht wirklich als neutral verstehen. Doch selbst wenn diese Gleichbehandlung irgendwann erreicht wird, wird uns die Geschichte ja immer noch an den Hacken hängen.

Jedenfalls bedingen sich Sprach- und gesellschaftliche Entwicklungen gegenseitig – und wir befinden uns mittendrin in diesem Entwicklungsprozess. Es ist also weder „richtig“ noch „falsch“, auf die eine oder andere Weise zu gendern. Was ich wichtig finde (und das ist auch eine Notiz an mich selbst): Beobachte und verfolge die Gespräche über und auch die Kritik an den verschiedenen Arten zu gendern. Frage dich regelmäßig, ob deine Vorgehensweise noch aktuell ist und wem du damit einen Gefallen tust. Und vor allem: Höre dir an, was die jeweiligen Anspruchsgruppen zum Gendern sagen – also Menschen, die nichtbinär und/oder auf barrierearme Texte angewiesen sind.

Denn das ist eigentlich der Knackpunkt an der Kritik: Das Gendern mit Doppelpunkt wurde vermutlich gerade nicht von denjenigen gepusht, die er eigentlich betrifft. Vielleicht ist seine vermeintliche Barrierefreiheit auch eine Ausrede, ein Scheinargument, das von Menschen hervorgebracht wird, die sich sonst wenig für barrierefreie Kommunikation interessieren. Mal ganz ehrlich: Verwendest du immer Alternativtexte für deine Bilder? Untertitelst du deine Videos und Stories? Bietest du deine Workshop-Unterlagen auch als barrierefreie PDF oder Word-Dokument an? Nein? Dann ist das vielleicht ein Punkt, an dem du ansetzen kannst: deinen Content an sich erstmal zugänglicher machen. Für viele wäre das erstmal wichtiger, als das Gendersternchen zu eliminieren.

Wie ich in Zukunft gendern werde

Und was jetzt? Wie gendere ich denn nun, wenn ich den Doppelpunkt vermeiden möchte? Mir persönlich erscheint gerade der Unterstrich am naheliegendsten – wobei auch er von manchen kritisiert wird, weil der Strich so weit unten ist. Okay, schöner finde ich das Sternchen schon. Aber darum geht’s ja nicht. Es geht weniger um deinen persönlichen Geschmack als um deine Zielgruppe. Und natürlich spiegelt deine Wahl auch deine Werte wider. Da dennoch keine Variante perfekt ist, möchte ich dir folgende Tipps an die Hand geben, die ich auch in meinen Texten anwende:

  • Versuche so oft wie möglich, neutral zu formulieren.
  • Überlege dir, wie du Sätze mit vielen Personenbezeichnungen umformulieren kannst.
  • Wende das Prinzip der Rollenverteilung an, wenn du deinen Text suchmaschinenoptimieren musst oder es um lange Aufzählungen von Personenbezeichnungen geht: Sprich vom Texter, der Layouterin und den Kund_innen.
  • Verwende Sonderzeichen sparsam – eines alle paar Absätze ist eher zu verkraften als eine ganze Sternchenwand. (In diesem über 1400 Wörter langen Text gendere ich übrigens nur viermal mit Sonderzeichen.)
  • Sei offen für neue Perspektiven und Ideen, werde kreativ und probiere dich aus – mit ein bisschen Übung wird es dir bald ganz leichtfallen, geschlechtsneutral zu schreiben.

Wenn du dem Doppelpunkt und komplizierten Formulierungen mit mir gemeinsam an den Kragen gehen möchtest, trag dich gern in die Warteliste für mein Online-Workshop-Programm Gendern leicht gemacht ein. Für weitere Perspektiven und zum Mitdiskutieren habe ich dir einen Twitter-Thread mit einigen Quellen erstellt. Schau doch dort vorbei oder verrat mir in den Kommentaren unter diesem Blogartikel: War dir die Kritik am Doppelpunkt bewusst? Und was ziehst du daraus für Schlüsse für deine Texte? Ich freue mich auf den Austausch mit dir!

4 comments Zur Kritik am Gendern mit Doppelpunkt

  1. Danke für diesen klärenden Artikel, Lucia! Ich folge dir schon seit einiger Zeit, habe deshalb auch bei der Beta-Version von „Gendern leicht gemacht“ mitgemacht und finde es bewundernswert, wie du arbeitest: Du bist immer auf dem neusten Stand, teilst deine Erkenntnisse, sagst, wenn etwas überholt ist und du etwas Neues gelernt hast. Schön, dass es das und dich gibt, in menschlicher und professioneller Hinsicht.

    1. Danke, Asha! Ich habe selbst gemerkt, wie fatal es sein kann, nicht auf dem aktuellen Stand zu sein oder nicht im Austausch mit den entsprechenden Communitys. Das kann schnell zu verletzenden und stereotypverstärkenden Formulierungen führen. Deshalb achte ich da seit diesem Jahr verstärkt drauf. 🙂

  2. Huhu, danke für die ausführlichen Erläuterungen! Ich würde gerne den Punkt mit der Kirche („der Doppelpunkt [wird] beispielsweise von der Kirche bewusst als binäre Schreibweise verwendet“) leicht korrigieren. Wie in dem verlinkten Tweet beschrieben, ist der Doppelpunkt eine gewählte Schreibweise des SPRING-Festivals, das in der Tat im konservativen Spektrum verortet ist. Die EKD (Dachorganisation der evangelischen Landeskirchen) hat sich 2020 für neutrale Formen bzw. wo das nicht geht, für das Sternchen entschieden und zwar dezidiert um damit Menschen aller Geschlechter einzuschließen. Nur als Hinweis darauf, dass „die Kirche“ nicht so einheitlich und konservativ ist, wie der Text suggeriert 😉

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