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Barrierefrei gendern: So geht’s

Barrierefrei gendern: So geht es

„Geschlechtergerechte Sprache? Ist doch ganz einfach: Ich gendere mit Sternchen, Lesbarkeit ist doch kein Problem und außerdem geht es hier um was viel Wichtigeres, die Geschlechterinklusivität! Da können die Leser:innen ruhig mal kurz irritiert sein, wer das nicht kapiert, ist eben selber schuld…“

Aber stimmt das wirklich? Ist das Gendersternchen die Lösung für alle Texte? Nein. Denn die meisten Arten zu gendern, die auch diverse Geschlechter einschließen, sind nicht barrierefrei. Das bedeutet, sie sind Menschen mit einer Behinderung nicht zugänglich – vor allem, wenn diese sehbeeinträchtigt sind, kognitive Einschränkungen oder eine Lernbehinderung haben. Und was dem Diversity-Grundsatz nicht entspricht, ist, zwar eine gesellschaftliche Gruppe einzubeziehen, eine andere damit aber auszuschließen.

Lösbar ist dieses Problem nur durch Kompromisse, denn es gibt bisher keine Art zu gendern, die gleichzeitig alle Geschlechter anspricht und für Menschen mit Behinderung verständlich ist. Hier erfährst du, wie du trotzdem möglichst barrierefrei gendern kannst und warum das wichtig ist.

Welche Arten zu gendern (nicht) barrierefrei sind

Verständlich für alle und barrierefrei ist neben dem generischen Maskulinum eigentlich nur die Paarform: „Leserinnen und Leser“. Außerdem kannst du neutrale Formulierungen wählen oder mein Prinzip der Rollenverteilung anwenden. Schwieriger wird es bei allen Formen mit Sonderzeichen sowie dem Binnen-I. Ist von Autor*innen, Leser:innen, TexterInnen, Influencer/innen oder Expert_innen zu lesen, kommen einige Menschen nicht mehr mit. Das hat verschiedene Gründe:

  • Wer eine Sprachausgabesoftware benutzt, bekommen „Autor-Stern-innen“ oder „Expert-Unterstrich-innen“ vorgelesen.
  • In der Blindenschrift Braille sind manche Zeichen doppelt belegt und die Lesart ist eine andere als bei der Standardschrift für sehende Menschen.
  • Für Leser:innen von Leichter und Einfacher Sprache sind Varianten mit Sonderzeichen zu schwer.

Heißt das jetzt, du darfst das Gendersternchen nicht mehr verwenden? Darauf gibt es keine pauschale Antwort. Ich rate dir dazu, es von der Zielgruppe und dem Ort der Veröffentlichung abhängig zu machen. Bei allen Texten, die digital ausgegeben werden, ist es wichtig, den Screenreader zu berücksichtigen, der den Text in Sprache oder Brailleschrift umwandelt. Für Texte, die leicht verständlich sein sollen, eignet sich eine barrierefreie Art zu gendern besser als das Sternchen. Und in Leichter Sprache gibt es klare Regeln, wie geschlechtergerechte Formulierungen angewendet werden können. Richtet sich dein Text vorrangig an die LGBTQ+-Community, wird von dieser meist eine Variante bevorzugt, die möglichst alle Geschlechter einschließt – also neutrale oder Formulierungen mit Sonderzeichen.

Barrierefrei gendern für die Vorlesefunktion

Nahezu jeder Internetbrowser verfügt über eine Vorlesefunktion, die digitale Texte in Sprache ausgibt. Professionelle Software bietet noch bessere Ergebnisse und hilfreiche Zusatzfunktionen. Diese sogenannten Screenreader werden vor allem von blinden und sehbehinderten Menschen genutzt – aber nicht nur. Auch Personen mit Lese-Rechtschreib-Schwäche oder eingeschränktem Leseverständnis hören sich Texte im Internet oft lieber an. Hinzu kommt eine ganz banale Einschränkung, die uns alle früher oder später betreffen wird: Altersweitsichtigkeit. Die kleine Schrift auf dem Tablet oder Smartphone können viele irgendwann nicht mehr entziffern. Auch hier bringt die Vorlesefunktion Vorteile.

Du siehst, dass die Personengruppe, die von Screenreadern profitiert, gar nicht mal so klein ist! Es lohnt sich also, sie barrierefrei anzusprechen. Das Problem: Sonderzeichen wie Sternchen oder Unterstrich werden von vielen Sprachausgabesoftwares mitgelesen. Das Binnen-I hingegen wird ignoriert und wie ein ganz normaler Kleinbuchstabe behandelt. Screenreader-Nutzer:innen hören dann zum Beispiel bei „LeserInnen“ immer nur die weibliche Form. Was also tun? Was die Sonderzeichen betrifft, so gibt es einige Ausnahmen: Manche von ihnen werden gar nicht vorgelesen, nämlich:

  • der Doppelpunkt: Leser:innen
  • der Mediopunkt: Leser·innen
  • der Punkt: Leser:innen

Stattdessen hören die Nutzer:innen nur „Leser innen“ – mit einer winzigen Pause zwischen „Leser“ und „innen“. Natürlich lassen sich einige Screenreader auch nach individuellen Wünschen einstellen, sodass auch Sternchen und Unterstrich nicht mehr vorgelesen werden. Doch häufig haben die Zeichen noch eine andere Bedeutung, die je nach Kontext wichtiger sein könnte als die des Gendersternchens.

Was du ebenfalls beachten solltest, ist, dass Leser:innen mit kognitiver Beeinträchtigung der Variante mit Lücke womöglich auch beim Hören nicht gut folgen können. Mit Doppelpunkt zu gendern, ist also nicht komplett barrierefrei. Alternativ kannst du die Paarform, neutrale Formulierungen oder das Prinzip der Rollenverteilung anwenden. Orientiere dich dabei immer an den Bedürfnissen deiner Zielgruppe.


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Gendern in Blindenschrift

Vermutlich verfasst du deine Texte nicht in der Blindenschrift Braille. Warum solltest du dich also mit ihr beschäftigen? Am Computer können Menschen mit Sehbehinderung nicht nur per Sprachausgabe lesen, sondern auch mit einer Braillezeile. Das ist ein Gerät, das digitale Texte in Braille-Signale umwandelt. So können blinde Menschen mit den Fingerkuppen lesen. In Brailleschrift entspricht jeder Buchstabe einem bestimmten Muster in einem System aus sechs Punkten: ⠿. Weil Texte in Braille dadurch ziemlich lang werden können, hat sich auch eine sogenannte Kurzschrift etabliert, die der Stenografie ähnelt. Dabei werden häufige Buchstabenkombinationen zu einem Zeichen zusammengefasst.

Braillezeile an einem Computer
So sieht eine Braillezeile an der Computertastatur aus.

Beim Computerbraille, das über die Braillezeile ausgegeben wird, gibt es sogar acht Punkte. Die unterste Zeile dient dazu, Sonderzeichen abzubilden. Deshalb wird für sie oftmals die längere Basisschrift verwendet. Aber es ist auch möglich, Braillezeilen auf Kurzschrift umzustellen. Für analoge Texte, zum Beispiel für Beschilderungen oder Bücher, kommt die Kurzschrift dagegen häufig zum Einsatz. Und jetzt kommen wir endlich dazu, warum das Gendern mit Sonderzeichen in Brailleschrift ein Problem ist:

In der Kurzschrift sind manche Braillezeichen doppelt belegt. Schließlich bietet das Punktesystem lediglich 64 Kombinationsmöglichkeiten. Darunter befinden sich auch einige der Sonderzeichen, die wir zum Gendern verwenden:

  • ⠔ steht gleichzeitig für das Sternchen und für „in“
  • ⠒ steht für den Doppelpunkt und „al“
  • ⠲ steht für den Schrägstrich und „un“

So können leicht Missverständnisse entstehen: „Leser*innen“ könnte auch „Leserininnen“ bedeuten, „Autor:in“ „Autoralin“ usw. Anders als sehende können blinde Menschen das Ende des Wortes auch nicht voraussehen – sie lesen einen Buchstaben nach dem anderen, also etwas langsamer als sehende Leser:innen. Auch wenn der Kontext meist deutlich macht, was gemeint ist, kann das Sonderzeichen für einen Moment irritieren, weil es vermeintlich nicht dorthin gehört. Das stört den Lesefluss und ist ein weiteres Argument dafür, zumindest so häufig wie möglich auf neutrale Formulierungen oder das Prinzip der Rollenverteilung auszuweichen.

Auch das Binnen-I ist nicht ideal, da vor jeden Großbuchstaben ein weiteres Zeichen gesetzt wird, das anzeigt, dass der nächste Buchstabe großgeschrieben ist.

In Leichter und Einfacher Sprache barrierefrei gendern

Die strengsten Regeln bezüglich des Genderns gibt es in der Leichten Sprache. Das ist eine stark vereinfachte Form des Deutschen, die von und für Menschen mit Lernbehinderung entwickelt wurde. Zusammen mit der Einfachen Sprache, die sich zwischen Leichter und Standardsprache einordnen lässt, ist sie aber auch anderen Menschen nützlich. Dazu zählen zum Beispiel Demenzerkrankte, funktionale Analphabet:innen, gehörlose Menschen, deren Muttersprache die Gebärdensprache ist, oder Personen, die gerade erst Deutsch lernen.

Die Leichte Sprache folgt bestimmten Regeln, die in Deutschland vom Netzwerk Leichte Sprache herausgegeben werden. Viele Leichte-Sprache-Übersetzer:innen und -Texter:innen nutzen überhaupt keine geschlechtergerechten Formulierungen. Wer dennoch gendern will, muss sich auf zwei Varianten beschränken: die Paarform und neutrale Formulierungen. Bei der Paarform muss immer die männliche Form zuerst kommen, da sie meist bekannter ist als die weibliche. Neutrale Ausdrücke sollten geläufig sein: „Person“ oder „Mitglied“ sind okay, „Teilnehmende“ zu kompliziert.

In Einfacher Sprache bist du etwas flexibler. Sie stellt einen Übergang zur Standardsprache dar und ist keinen festen Regeln unterworfen. Für beide Sprachvarianten wird immer wieder über das Gendern diskutiert. Schließlich befinden sich auch unter ihren Nutzer:innen nichtbinäre Menschen, die sich durch ein Sternchen vielleicht eher repräsentiert sehen würden. Wenn du dich für eine Variante mit Sonderzeichen entscheidest, solltest du diese auf jeden Fall in Leichter bzw. Einfacher Sprache erklären. Wenn du selbst keine oder wenig Erfahrung mit Leichter und Einfacher Sprache hast, dann wende dich an Expert:innen auf diesem Gebiet. Ich kann dir zum Beispiel meine Kollegin Andrea Halbritter empfehlen, die auch einen Artikel speziell zum Gendern in Leichter Sprache geschrieben hat.

Geschlechtergerecht und barrierefrei schreiben – immer nah an der Zielgruppe

Ja, geschlechtergerechte Sprache und Barrierefreiheit zusammenzubringen, ist nicht so leicht. Auch wenn es schön wäre, kannst du leider nicht alle glücklich machen. Umso wichtiger ist es, dass du nah an deiner Zielgruppe bleibst. Versuche, herauszufinden, mit welcher Art zu gendern sie am besten klarkommt. Du könntest zum Beispiel eine kleine Umfrage erstellen und über deinen Newsletter, Blog oder Social Media verbreiten. Aber triff eine Entscheidung, mit der auch du dich wohlfühlst!

Ich wurde auch schon öfter dafür angegangen, dass meine Art zu gendern (mit Doppelpunkt) nicht für alle barrierefrei ist. Meine Zielgruppe sind allerdings Unternehmer:innen und Menschen, die selbst viel schreiben müssen. Leichte-Sprache-Nutzer:innen gehören eher nicht zu meiner Zielgruppe. Abgesehen davon werden Leichte-Sprache-Versionen meistens neben Texten in Standardsprache angeboten. Das heißt, du kannst im Standardtext mit Sonderzeichen gendern und in Leichter Sprache mit der Paarform.

Es gibt einfach keine „richtige“ Lösung, jede schließt irgendwen aus oder gefällt manchen Menschen nicht. Das ist okay, solange bis jemand eine bessere Idee hat. 😉

P.S.: Der Online-Workshop „Gendern leicht gemacht“ wird wirklich richtig spannend! Ich beantworte dir all deine Fragen und wir üben das Gendern ganz praktisch. Trag dich jetzt schon in die Warteliste ein und du erhältst einen Tag vor allen anderen Zugriff auf die stark begrenzten Plätze!

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