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Gar nicht mehr neu – Neopronomen wie xier

Titelbild mit schwarz-weissen gezeichneten Illustrationen auf grasgrünem Hintergrund. Eine Hand holt ein Zettel aus der Tasche. Darauf die Wörter sif, sier, xier, nur das letzte ist nicht durchgestrichen. Darum verteilt Karten mit Fragewörtern, Gendersymbolen und den Neopronomen xieser, xies, xieses... Auf einem blauen Banner der Titel des Blogeintragses "Gar nicht mehr neu: Neopronomen wie xier" und Hinweis auf die Webseite www.annaheger.de/pronomen. © Illi Anna Heger 2021

Einleitung

Dies ist ein Gastartikel von Illi Anna Heger. Xier beschäftigt sich seit 2009 mit der Entwicklung der geschlechtsneutralen xier-Pronomen, die du in diesem Beitrag näher kennenlernen wirst.

Die deutsche Sprache ist durchzogen von geschlechtsbezogener Zuordnung. Allen Substantiven wird ein grammatikalisches Geschlecht (lateinisch Genus) zugeordnet. Zusätzlich entsteht beim Sprechen über individuelle Menschen ein Bezug auf deren Geschlecht. Nicht alle Menschen sind entweder weiblich oder männlich. Männlich und weiblich werden als binäre Geschlechter bezeichnet und es gibt Menschen mit einem der verschiedenen nichtbinären Geschlechter oder ganz ohne Geschlecht. Einige benutzen die sächlichen Pronomen wie »es« und »das« für sich, aber das fühlt sich für zu viele, für die »sie« und »er« nicht passen, zu abwertend an. Daher kommt der Bedarf nach Neopronomen, also neuen Pronomen ohne Geschlecht.

Die meisten Pronomen im Deutschen sind von jeher geschlechtsneutral. Personalpronomen wie »ich« und »dich« oder Possessivpronomen wie »unser« und »meinem« legen das Geschlecht nicht fest. Ich nenne Pronomen wie »sie«, »er«, »seine« und »ihrem« gerne schmunzelnd Tratschpronomen, weil sie verwendet werden, um über Andere zu sprechen. Diese Pronomen der 3. Person Einzahl weisen sprachlich ein Geschlecht zu. Artikel und Relativpronomen wie »die« und »der« tun das auch.

Neopronomen

Welches Pronomen kann ich verwenden, wenn »sie« und »er« nicht passen oder wenn es um einen unbekannten Menschen geht? Schon vor 10 Jahren hat mich diese Frage beschäftigt, weil mir adäquate deutschen Pronomen fehlten. Ich kannte vom Lesen englische Neopronomen wie »ze/zir« oder »e/em«. Neopronomen sind Wortneuschöpfungen und diese Beispiele stellen im Englischen eine Alternative zu »she/her« und »he/him« dar. Neopronomen gehören also zu den jungen Wörtern einer Sprache. Heute ist »singular they« die verbreitetste Alternative zu »she« und »he«. »They« wurde schon seit Jahrhunderten benutzt, um sich auf eine einzelne unbekannte Person zu beziehen und ist damit nicht neu.

Das Wissen um neue Pronomen im Englischen hat mich damals motiviert, selbst eine Alternative für »sie« und »er« zu entwickeln und damit eine sprachliche Lücke zu schließen. Ich dachte, die zugehörige Deklination kann ja nicht so kompliziert sein, aber das Deutsche erfordert viel mehr grammatikalische Formen als das Englische.

Xier-Pronomen

Auf meiner Pronomen-Webseite wurde 2009 die erste der verschiedenen Versionen von Pronomen ohne Geschlecht mit ihren damals 12 Formen veröffentlicht. Es brauchte noch weitere Formen.

2012 entstanden die »xier«-Pronomen mit ihren Personalpronomen »xier«, »xies«, »xiem« und »xien«. Die Endungen orientieren sich an den vier Fragewörtern »wer«, »wessen«, »wem« und »wen«. Bei den Artikeln und Relativpronomen war das genauso: »dier«, »dies«, »diem«, »dien«. Der Genitiv »xies« wurde mittlerweile auf »xieser« geändert, um ihn mit der Deklination der herkömmlichen Pronomen abzustimmen.

Die zugehörigen Possessivpronomen haben den Wortstamm »xies…« und werden in Abhängigkeit vom jeweiligen Beziehungswort dekliniert. Im folgenden ist das Beziehungswort »Koffer«:

Ich hole meine, ihre, seine und xiese Koffer ab.

Das Beziehungswort kann ein weiterer Mensch sein. Wenn dieser »xier« für sich benutzt, braucht es einen Satz zusätzliche Endungen. Diese sind noch in der Entwicklung und eine Möglichkeit sieht wie folgt aus:

Das bringe ich meinim und xiesim Freund_in mit.

Die aktuelle Version der Pronomen ohne Geschlecht 4.0 hat eine ausführliche Deklination, weil das für mich für die Verwendung in Texten wichtig war. In der deutschen Sprache gibt es mittlerweile eine Vielzahl von Neopronomen mit und ohne Deklination. Sie sind Teil der sich stetig wandelnden deutschen Sprache. Es gibt nicht das eine Neopronomen, das alle verwenden. Die Webseite Nibi Space bietet eine Übersicht verschiedener Neopronomen.

Respekt vor der Selbstbezeichnung

Es ist wichtig zu verstehen, dass Neopronomen keine nichtbinären Pronomen sind, auch wenn sie für viele nichtbinäre Menschen interessant sind. Deshalb bezeichne ich sie ausdrücklich als geschlechtsneutrale oder als alternative Pronomen. Offensichtlich sind »xier« und andere Neopronomen auch keine trans Pronomen. Viele trans Menschen, binäre und nichtbinäre, benutzen »sie« oder »er« und haben oft sehr hart dafür kämpfen müssen.

Frauen, Männer, nichtbinäre Menschen und alle Anderen dürfen Neopronomen für sich nutzen, wenn sie möchten. Alle Menschen sollten mit der Wahl ihrer Pronomen, mit ihrer Selbstbezeichnung, respektiert werden, egal ob es sich um herkömmliche Pronomen, alternative Pronomen oder die Vermeidung von Pronomen und die Verwendung des Rufnamens handelt. Immer mehr Menschen schreiben ihre Pronomen in ihre Selbstdarstellungen auf Social Media oder in die Signatur ihrer E-Mail. Das schafft Klarheit und normalisiert den bewussten Umgang mit Pronomen.

Neben einem spezifischen Pronomen, alternativ zu »sie« und »er«, fehlt der deutschen Sprache auch ein Pronomen, das sich auf eine einzelne unbekannte Menschen bezieht, so wie »singular they« in seiner ganz alten Bedeutung im Englischen. Ob »xier« oder ein anderes Neopronomen beide Funktionen erfüllen kann, wird sich in der Zukunft zeigen.

Beispiele von »xier« in Filmen und Texten

Die verlinkten Grammatiktabellen von Version 3.2 und Version 4.0 sind hilfreich, um einen Überblick über grammatikalische Strukturen zu bekommen. Oft ist es jedoch einfacher, die Neopronomen direkt in einem Text zu lesen oder in einem Film zu hören, um sich ihre Verwendung vertraut zu machen. Das älteste Beispiel der Verwendung, das ich kenne, wurde 2012 in der Musikzeitschrift »Visions» veröffentlicht, um über Rae Spoon zu berichten:

»An der Musik lässt xier es jedenfalls nicht aus, die bleibt schön.«

Rae Spoon benutzt im englischen »they«-Pronomen und wurde respektvoller Weise vor der Veröffentlichung gefragt und hat den »xier«-Pronomen für die deutsche Berichterstattung zugestimmt.

Die Verbreitung von »they«-Pronomen im Englischen stellt Übersetzer_innen vor die Aufgabe, ein Pendant im Deutschen zu finden. In der Übersetzung des Romans »Carmilla« von Kim Turrisi hat sich Ivana Marinović 2020 für »xier«-Pronomen entschieden:

»Xier beugt sich über mich, steckt einen USB-Stick in meinen PC und klickt ein paar mal, während wir über xiese Schulter spähen.«

Filme und Serien werden heutzutage schnell international veröffentlicht, zum Beispiel über Streamingdienste. In einer Recherche über Untertitel und Synchronisierungen habe ich mir die verschiedenen Herangehensweisen bei der Übersetzung angeschaut. Eine Möglichkeit ist auch hier die Verwendung von Neopronomen. Für die Serie »Transparent« sieht das 2017 in den Untertiteln so aus:

»Ali ist also nicht hier… oder versetzt uns wegen xiesem Geschlecht, was typisch für xien wäre.«

Neopronomen in der deutschen Sprache

Neopronomen sind nicht mehr nur Sache der Übersetzer_innen. Autor_innen verwenden sie direkt für Figuren in ihren Romanen und Kurzgeschichten. Hier ein abschließendes Textbeispiel aus »Sternenbrand« von Annette Juretzki, 2017:

»Xiem fehlte die Freude an xiesem Umfeld, der Stolz auf all die Errungenschaften.«

Da mich interessiert, wo und wie sich die »xier«-Pronomen verbreiten, verfolge ich, in welchen Romanen, Artikeln, Übersetzungen, Untertiteln oder Synchronisierungen sie auftauchen, und sammele die Quellen und exemplarische Zitate.

Ich bin beeindruckt davon, was sich in den letzten Jahren in der Wahrnehmung diverser Lebensrealitäten und ihrer Abbildung in der Sprache getan hat. Mehr sprachliche Möglichkeiten machen mehr Menschen sichtbar und diese können das für sie passende Pronomen auswählen. Die Existenz vieler verschiedener Neopronomen ist ein Wert an sich und bildet Vielfalt ab. Ich bin gespannt, wie sich das in den nächsten Jahren entwickelt und was sich etablieren wird. Die Pronomen werden sich über die Zeit wie alle Sprache abschleifen und verändern. Irgendwann sind sie dann gar nicht mehr neu.

gezeichnetes Porträt von Illi Anna Heger. gezeichnetes Porträt von Illi Anna Heger. © Illi Anna Heger 2021Illi Anna Heger wurde 1978 in Berlin geboren und arbeitet frei als Autor_in und Comiczeichner_in in München. Hegers Comics dokumentieren, erzählen biografisch, analysieren gesellschaftliche Strukturen und machen Theorie verständlich. Heger entwickelt seit 2009 Pronomen ohne Geschlecht. Sie stellen einen Aspekt geschlechtergerechter Sprache dar und haben in den letzten Jahren Verbreitung in Büchern, Artikeln und Filmen gefunden.

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