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5 Situationen, in denen Gendern Unsinn ist

5 Fälle, in denen Gendern Unsinn ist

In letzter Zeit sind mir einige wirklich hanebüchene Varianten „geschlechtergerechter Sprache“ aufgefallen. Einfach zum Haareraufen! Das können wir nicht auf uns sitzen lassen, werte Leser (und INNEN, hahaha). Ja, ich bin überzeugt davon, dass wir etwas gegen den Genderwahn tun können und müssen! Und zwar, indem wir uns gegen das Genderdiktat wehren! In diesem Artikel erläutere ich beispielhaft einige Situationen, in denen es blanker Unfug ist, zu gendern. 😉

1. Geschlechtsneutrale Begriffe gendern

Natürlich ist es wenig sinnvoll, Wörter zu gendern, die an sich schon geschlechtsneutral sind. Dennoch begegnen mir in vielen Texten „Mitglieder:innen“ oder „Mensch:innen“. Das liegt vielleicht daran, dass es nicht immer am grammatischen Geschlecht (männlich, weiblich oder sächlich) festzumachen ist, ob einem Wort ein bestimmtes Geschlecht eingeschrieben ist. So ist „der Mensch“ grammatikalisch gesehen zwar männlich. Das Wort bezeichnet aber sowohl Männer als auch Frauen und nichtbinäre Personen.

Wörter wie diese zu gendern, ist also Unsinn:

  • der Mensch (grammatikalisch männlich, gilt aber für alle)
  • die Person (grammatikalisch weiblich, gilt aber wie „Mensch“ für alle Menschen)
  • das Mitglied (sächlich, gilt für alle)
  • die Leute (existiert nur als Pluralform, gilt für alle)
  • -kraft (z. B. Lehrkraft, Hilfskraft, Reinigungskraft, Fachkraft; grammatikalisch weiblich, gilt aber für alle)
  • -hilfe (z. B. Aushilfe, Haushaltshilfe; grammatikalisch weiblich, gilt aber für alle)

Nicht geschlechtsneutral sind dagegen Begriffe wie diese:

  • der Gast: Häufig wird das Gendern dieses Wortes kritisiert – das Wort „Gästin“ steht aber auch im Duden.
  • das Mädchen: Obwohl grammatikalisch sächlich bezeichnet dieses Wort ausschließlich weibliche Kinder. Als neutrale Alternative kannst du einfach das Wort Kind benutzen.
  • der Helfer: Anders als die Aushilfe ist der Aushelfer spezifisch männlich. Wenn das Geschlecht der Aushilfen unbekannt ist, ist es sinnvoll, z. B. mit „Helfer:innen“ zu gendern.

2. Abstrakte zusammengesetzte Wörter gendern

Müsste es im Sinne einer gendergerechten Sprache nicht „Bürger:innenmeister:in“ heißen? Da scheiden sich die Geister. Einerseits wären solche Formulierungen nur konsequent – sollen doch im allgemeinen Sprachgebrauch immer alle Geschlechter gleichermaßen angesprochen werden. Doch ein guter Lesefluss ist auch wichtig, damit Lesende einen Text verstehen können.

Eine Möglichkeit wäre, lange Wörter mit einem Bindestrich zu trennen: Bürger:innen-Meister:in. Ein anderes Vorgehen orientiert sich daran, ob ein zusammengesetztes Wort sich eher auf eine Sache oder auf eine Person bezieht. Bei sachbezogenen Begriffen wird dann nicht gegendert:

  • Bürgersteig
  • Arztbescheinigung
  • Lehrerzimmer
  • Einwohnermeldeamt
  • Chirurgenstahl
  • Fahrerkabine

Eher personenbezogene Begriffe solltest du dagegen lieber gendern oder durch neutrale Begriffe ersetzen:

  • Nutzerfreundlich (besser: nutzungsfreundlich)
  • Benutzerhandbuch (besser: Handbuch für Benutzer:innen oder Benutzungshandbuch)
  • Arztbesuch (besser: Besuch der ärztlichen Sprechstunde)
  • Anfängerkurs (besser: Kurs für Anfänger:innen oder Einstiegskurs)
  • Ausstellerliste (besser: Ausstellungsliste)

Natürlich kannst du auch für sachbezogene zusammengesetzte Wörter neutrale Alternativen wählen – z. B. Gehsteig, ärztliche Bescheinigung, Lehrendenzimmer oder Chirurgiestahl. Im Genderwörterbuch findest du zu vielen Wörtern passende geschlechtsneutrale Formulierungen.

3. Verben gendern

Vielleicht ist es dir noch nie aufgefallen. Aber auch in manchen Verben verstecken sich zuweilen Wörtchen, die nicht geschlechtsneutral sind. Die Frage ist: Denken wir bei „verarzten“ eher das Verbinden eines verletzten Arms oder an einen männlichen Arzt, der unsere Wunde versorgt? Und ist „verärzt:innen“ eine lesefreundliche Alternative?

Einige wenige Menschen gendern konsequent auch bei Verben. Andere empfinden bei diesen Worten Gendern als Unsinn:

  • verarzten
  • bemuttern
  • schriftstellern
  • bewirten
  • gärtnern

Selbstverständlich kannst du in diesem Fall wieder nach geschlechtsneutralen Alternativen suchen:

  • eine Verletzung versorgen
  • fürsorglich behandeln
  • schreiben
  • für das leibliche Wohl sorgen
  • den Garten bepflanzen

4. Adjektive gendern

Auch unter den Adjektiven, die wir im Alltag ganz natürlich benutzen, sind einige bei näherem Hinsehen nicht geschlechtsneutral. Manchen ist das kaum anzumerken, andere sind recht eindeutig einem bestimmten Geschlecht zugeschrieben. Bei folgenden Wörtern ist es eher unüblich, sie zu gendern:

  • freundlich
  • ärztlich
  • juristisch
  • künstlerisch
  • gastlich

Anders sieht es aus, wenn Adjektive das Wort „Mann“ enthalten oder sich auf Personen beziehen:

  • fachmännisch (besser: fachkundig)
  • unbemannt (besser: ohne Besatzung)
  • kaufmännisch (besser: kauftechnisch, wirtschaftlich, geschäftlich)
  • kundenorientiert (besser: an den Bedürfnissen der Kund:innen orientiert)

5. Gendern in Leichter Sprache

Diese Situation unterscheidet sich von den anderen, weil sie sich nicht auf die Standardsprache, sondern auf die Leichte Sprache bezieht. Das ist eine stark vereinfachte Form der deutschen Sprache, die eigenen Regeln folgt. Sie macht Texte auch Menschen mit geistiger oder Lernbehinderung, Leseanfänger:innen oder Nichtmuttersprachler:innen zugänglich.

In Leichter Sprache haben Einfachheit und Verständlichkeit höchste Priorität. Viele Arten zu gendern erfüllen diesen Anspruch nicht. Deshalb wird in Leichter Sprache und in der weniger stark vereinfachten Einfachen Sprache häufig gar nicht gegendert. Manchmal nutzen Schreibende aber auch die Paarform – z. B. bei der direkten Anrede „Liebe Leserinnen und Leser“. Alle anderen Varianten solltest du in Leichter oder Einfacher Sprache vermeiden. Im Zweifel kann dir ein:e Texter:in oder Übersetzer:in für Leichte Sprache weiterhelfen.

Gendern: Unsinn oder doch eine Überlegung wert?

Wenn du mich vor diesem Artikel noch nicht kanntest, ist dir inzwischen wahrscheinlich aufgefallen, dass ich dich am Anfang ein bisschen veralbert habe. Ich bin nicht gegen den Genderwahn, sondern Expertin für geschlechtergerechte Sprache und Vielfalt wertschätzende Kommunikation.

Wie du gesehen hast: In manchen Fällen ist Gendern Unsinn. Häufig aber ist es sinnvoll, nicht nur das generische Maskulinum zu verwenden, sondern auch Frauen und alle anderen Geschlechter anzusprechen. Studien zeigen nämlich, dass die männliche Form eher mit Männern assoziiert und nicht als für alle gültig wahrgenommen wird.

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Im deutschen Sprachraum kursieren viele verschiedene Arten zu gendern. Keine davon ist die einzig richtige. Keine davon möchte ich dir aufzwingen. Wenn du aber mehr übers Gendern erfahren möchtest, dann empfehle ich dir meinen kostenlosen E-Mail-Kurs Richtig gendern: So findest du DEINE geschlechterinklusive Sprache. Ich zeige dir in sechs E-Mails:

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Wusstest du schon, dass es manchmal gar nicht angebracht ist zu gendern? Oder fallen dir vielleicht noch weitere Situationen ein, in denen Gendern Unsinn ist? Dann schreibe jetzt gerne einen Kommentar dazu!

16 comments 5 Situationen, in denen Gendern Unsinn ist

  1. Seit Ende der 80er Jahre werden die meisten Texte an Computern erstellt, und da sind es 2 Klicks einen Teil des Wortes kursiv zu formatieren. Wenn z.B. bei Politikerinnen die letzten 5 Buchstaben kursiv sind, finde ich das lesefreundlicher als die Versionen mit dem Großbuchstaben, Sternen oder Unterstrichen mitten im Wort.

    1. Das ist wirklich eine spannende Idee, dass da noch keine:r drauf gekommen ist … Danke dafür! Ein Kritikpunkt könnte wahrscheinlich derselbe sein wie bei der Klammerlösung – Leser(innen) z. B. – dass ein Unterschied zwischen den Geschlechtern gemacht wird. Wobei hier ja keine Hierarchisierung vorgenommen würde. Aber es würden nur zwei Geschlechter angesprochen werden, keine nichtbinären Menschen. Trotzdem kann es je nach Kontext sicher für den einen oder die andere eine gute Lösung sein. 🙂

      Liebe Grüße,
      Lucia

  2. Liebe Lucia,
    man kann sich wie Du die Mühe machen, jedes Wort, jeden Satz auf gendergerechte Sprache zu überdenken. Ich bin in einer Zeit groß geworden, in der das generische Maskulinum für beide Geschlechter gebraucht wurde. Wenn für mich das Wort Schüler, tatsächlich jedes Kind, das zur / auf diese Schule geht, umfasst, warum sollte ich möglicher Weise Kinder ausgrenzen, die sich unter Schüler*Innen nicht erfasst fühlen? Je mehr ich allgemeine Formulierungen differenziere, desto eher grenze ich doch jemanden möglicher Weise aus. Es wird doch kaum einen Lehrer geben, der, wenn er „Guten Morgen, liebe Schüler!“ sagt, die Schülerinnen wissentlich nicht begrüßen möchte. Zumindest hätte das zu meiner Schulzeit nicht funktioniert, da sich auch jede Schülerin angesprochen gefühlt hätte. Durch diese neuen vielseitigen Differenzierungen grenzt die Sprache nach meiner Meinung mehr aus als früher. Was ich allerdings richtig finde, ist dass sich jemand, der sich keinem Geschlecht zugehörig fühlt, sich keins quasi aussuchen muss, wenn es um die Anrede geht, aber das ist ein anderes Thema. Generell finde ich diese Personen auch unter dem generischen Maskulinum besser aufgehoben. Denn sie sind wie alle – um bei dem Beispiel zu bleiben – Schüler und ich muss mich nicht fragen, ob sie mit Schüler*Innen überhaupt erfasst werden.

    1. Liebe Edeltraut,
      danke für deinen Kommentar! Du hast recht, gendergerechte Sprache mit Sternchen oder Ähnlichem differenziert und kann so auch dazu führen, dass sich doch wieder Menschen ausgeschlossen fühlen. Dass das ein Nachteil ist, sehe ich genauso wie du. Ich glaube auch nicht, dass die aktuell gängigen Arten zu gendern ideal sind, auch im Hinblick auf Barrierefreiheit. Was das generische Maskulinum betrifft, gibt es allerdings verschiedene Studien, die darauf hinweisen, dass wir es eben nicht als neutral wahrnehmen, sondern eher mit Männern als mit Frauen und nichtbinären Menschen in Verbindung bringen. Deshalb finde ich die Bemühungen um eine geschlechtergerechte Sprache wichtig. Ich persönlich denke, dass eine vollkommen neutrale Form oder Endung letztlich am sinnvollsten wäre. Das würde allerdings einen Eingriff in die Sprache bedeuten, der wohl kaum durchsetzbar wäre. Vielleicht könnte das generische Maskulinum irgendwann auch wieder als neutrale Form wahrgenommen werden – wenn die Umgebung und Gesellschaft entsprechend geschlechtergerecht aufgestellt wären. Vielleicht muss Geschlecht irgendwann gar keine so große Bedeutung mehr haben. Heute ist die Differenzierung vielen Menschen wichtig, um die Diskriminierung von Frauen und nichtbinären Menschen aufzuzeigen und Geschlechtervielfalt überhaupt erst sichtbar zu machen. Denn trotz der vielen Fortschritte in Sachen Gleichberechtigung ist der Weg ja noch nicht zu Ende gegangen. Und wie andere Menschen angesprochen werden möchten, können weder du noch ich entscheiden, sondern nur jede:r für sich selbst.

      Danke dir für den Gedankenanstoß!

      Liebe Grüße
      Lucia

  3. kundenorientiert (besser: an den Bedürfnissen der Kund:innen orientiert)

    Was ist daran besser? Gar nichts.
    1. Haben Sie damit aus einem leicht zu verstehenden Wort 5 1/2 umständliche Wörter gemacht. Ich sage explizit 5 1/2 Wörter, weil „Kund:innen“ kein Wort ist, sondern ein sprachlicher Unfall. Wo ist hier die männliche Form enthalten? Damit betreibt man Ausgrenzung wo vorher keine war. Ich kenne keine Frau in meinem näheren Umfeld, die sich bei „die Kunden“ nicht angesprochen fühlt. Dieser Raubbau an der schönen deutschen Sprache muss aufhören. Die armen Schüler, die solch einen grammatikalischen Unsinn einmal lernen müssen. Und nein, ich bin kein „Boomer“, sondern 22 Jahre alt. Aber mir wurde Gottseidank noch richtiges Deutsch beigebracht.

    1. Hallo Felix!
      Du hast recht, Sonderzeichen wie der Doppelpunkt lassen ein Wort zunächst komplizierter wirken als im generischen Maskulinum. Allerdings gibt es viele Menschen, die sich vom generischen Maskulinum nicht (mehr) angesprochen fühlen – auch wenn du persönlich vielleicht keine kennst. Dazu gibt es auch Studien, genauso wie zum Thema Verständlichkeit. Tatsächlich gibt es da gar nicht so große Probleme – Leser:innen mit Bedarf nach Leichter oder Einfacher Sprache mal ausgenommen.
      Wenn es dich interessiert, kannst du dir ja mal ein paar Quellen anschauen:

      Elke Heise: Sind Frauen mitgemeint? Eine empirische Untersuchung zum Verständnis des generischen Maskulinums und seiner Alternativen. In: Sprache & Kognition, 2000.

      Lisa Irmen, Nadja Roßberg: Gender Markedness of Language: The Impact of Grammatical and Nonlinguistic Information on the Mental Representation of Person Information. Journal of Language and Social Psychology, 23(3), 2004.

      Friederike Braun et al.: »Aus Gründen der Verständlichkeit…«: Der Einfluss generisch maskuliner und alternativer Personenbezeichnungen auf die kognitive Verarbeitung von Texten. 2007. https://wiki.kif.rocks/w/images/0/08/Braun-et-al.pdf

      Übrigens ist beim Gendern auch immer Kreativität angesagt. Mir fällt zum Beispiel gerade ein, dass ich einfach „an den Bedürfnissen der Kundschaft“ hätte schreiben können – ganz ohne Sonderzeichen. 🙂

      Viele Grüße
      Lucia

  4. Ist dir eigentlich schonmal aufgefallen, dass bei negativ konotierten Begriffen wie „Mörder“, „Schläger“, „Entführer“ etc konsequent auf das Gendern verzichtet wird. Wo bleibt da die Gendergerechtigkeit?

    1. Hallo Jürgen,

      das Argument kommt häufig, in der Praxis aufgefallen ist es mir persönlich noch nicht. Natürlich sollte auch bei solchen Begriffen konsequent gegendert werden.

      Viele Grüße
      Lucia

  5. Aber liegt es nicht eher an uns, wie wir Worte und Phrasen verstehen und nicht am Verfasser eines Textes? Wenn ich unbedingt etwas zum Ankreiden suche, werde ich auch immer etwas finden. Natürlich kann man Sprache dahingehend verändern, dass sie alle Geschlechter anspricht. Die sich diskriminiert Fühlenden könnten jedoch auch im Gegenzug lernen, dass nun einmal auch im Lehrerzimmer Lehrerinnen willkommen sind, dass zur Bürgermeisterwahl auch alle drei Geschlechter zugelassen werden und dass es nun einmal nicht zu jedem vermalledeiten Wort ein weibliches Pendant gibt, es sei denn, man hebt eines künstlich aus der Taufe (Gast/Gäste = Gäst*In).
    Wer mit zwei Vätern, dafür jedoch ohne Mutter aufwächst, wird ja am Ende auch trotzdem Muttersprache erlernen, genau – um mal ein völlig anderes Sprachbeispiel zu bemühen -, wie auch ein Veganer vom Fleisch fallen kann oder der Fleischesser Gras über eine Sache wachsen lässt.

    Nicht der Redner oder Verfasser sagt mir, wie er es meint – ich sage ihm, wie er es gemeint hat, das ist – egal ob es um das Gendern, um Rassismus in Sprache oder um den Umgang mit dem Wörtchen „Behinderung“ geht, der allerneueste Trend. Mir als Autor wird mein Inhalt ja förmlich aberkannt, weil andere besser zu wissen glauben, wie ich es gemeint hab… nein, sie interpretieren es für sich so, wie – böse gesagt – sie es gerade brauchen.

    Was man in offiziellen Dokumenten macht ist eine Sache, Politik (und damit einhergehend alles, was an Apparaten und Institutionen dazugehört) sollte auch politisch korrekt kommunizieren. Beim Rest sollten wir – egal ob männlich, weiblich oder divers – wieder lernen, die Kirche im Dorf zu lassen.
    Oder, um es noch etwas zu dramatisieren: Von *Innen wird im Innern von uns nichts besser! Arbeitgeber beispielsweise können noch so gut gendern, weils halt zum „guten Ton“ gehört, Frauen deswegen besser behandeln, ihnen größere Chancen und Verdienstmöglichkeiten einzuräumen, werden sie dadurch automatisch noch lange nicht.

    Ein Anfang muss bei Gleichstellung und Gleichberechtigung gemacht werden, nur beginnt man hier meiner Ansicht nach am falschen Ende.

    1. Hallo Christian,
      danke fürs Teilen deiner Gedanken. Deinem letzten Satz stimme ich zu: Der Anfang muss bei Gleichstellung und Gleichberechtigung gemacht werden, das ist die Grundlage und der Punkt, an dem es hakt. Die Sprache an sich ist daran ja nicht schuld, wie sie auf uns wirkt. Aber sie wirkt im Kontext der Welt, in der wir leben. Wären die Geschlechter schon vollständig gleichgestellt, gäbe es die Debatte um die Sprache vermutlich gar nicht, dann würden wir das generische Maskulinum vielleicht wirklich als neutral wahrnehmen. Aber wie wir Sprache interpretieren, ist ja nicht unbedingt eine bewusste Entscheidung.

      Studien zeigen, dass wir das generische Maskulinum unterbewusst am ehesten mit Männern verbinden. Mädchen im Grundschulalter trauen sich einen stereotyp männlichen Beruf zum Beispiel eher zu, wenn die Begriffe in beiden Formen dastehen und weniger, wenn sie im generischen Maskulinum formuliert sind. (Nachzulesen hier: https://www.researchgate.net/publication/279288124_Yes_I_Can_Effects_of_Gender_Fair_Job_Descriptions_on_Children%27s_Perceptions_of_Job_Status_Job_Difficulty_and_Vocational_Self-Efficacy) Im Kommentar über deinem habe ich noch mehr Quellen aufgeführt.

      Für mich sind das wichtige Argumente dafür, sich mit geschlechtergerechter Sprache auseinanderzusetzen. Ich sage dabei nicht, dass die bisherigen Möglichkeiten ideal sind. Aber ich finde es wichtig, nach Lösungen zu suchen und auch mit Sprache zu experimentieren – warum auch nicht?

      Vom Gendern allein wird unsere Umwelt natürlich nicht geschlechtergerecht. Das ist nur ein kleiner Teil und es gibt auch viele andere Dinge zu tun, wie du ja in deinem Kommentar auch schreibst. Deshalb biete ich zum Beispiel auch Diversity-Trainings an. Trotzdem glaube ich, dass Sprache einen Einfluss auf uns hat. Sie kann enorm verletzen, aber eben auch positive Wirkungen erzielen. Und nur weil andere Maßnahmen wirksamer erscheinen, heißt das ja nicht, dass das Gendern daneben nicht auch noch existieren kann. Kein Mensch kann an allen Enden gleichzeitig anfangen, aber jede:r doch einen kleinen Teil beitragen. Du kannst ja mit den Dingen anfangen, die du am wichtigsten findest, und da deinen Beitrag leisten. 🙂

      Liebe Grüße
      Lucia

  6. In MV gibt es Post an alle Haushalte. „Absenderin: Ihre Landesregierung“ seht auf dem Umschlag. Ist das korrekt? Heißt es Absender*, wenn ein Landesamt etwas versendet?

    1. Hallo Dörte,

      das ist durchaus üblich und war es auch schon vor der Genderdebatte. Das Wort „Absenderin“ wird an das Bezugswort angepasst, also „die Landesregierung“, deren grammatikalisches Geschlecht feminin ist.

      Viele Grüße
      Lucia

  7. Hallo,
    insgesamt ein sehr spannendes Thema. Vielleicht sollte man mal schauen, wie es in anderen Sprachen gemacht wird. Das würde mich mal interessieren. Im Englischen geht es ja auch. Eventuell könnte man einen generischen neuen Artikel (the) nutzen, als einzigen Eingriff in die Sprache. Oder konsequent nur noch „das“ benutzen. Aber dann alle Begriffe lassen, wie sie sind. Artikel tauchen zwar nicht in jedem Satz, aber doch oft genug, als das ich glaube, dass diese das Denken nachhaltig verändert könnten. So dass wir am Ende bei einer Doppelpunkt und Sternchenfreien Sprache bleiben können.

    Ich bin der Meinung, dass diese Zusatzsymbole, wie auch oben schon mal erwähnt, den leichten Zugang zur Sprache deutlich erschweren. Ja es gibt die „leichte Sprache“ und die brauchen wir auch. Aber ist es nicht auch Diskriminierung, wenn wir die „Standardsprache“ noch weiter von der leichten Sprache weg rücken? Hier würde sogar ein allgemeiner Artikel helfen, die Sprache eher ein Stück näher an die „leichte Sprache“ zu bringen.

    Weiterhin habe ich eine wirklich ernst gemeinte Frage zum ersten Punkt.

    Dort wurde gesagt, dass Folgendes nicht gegendert wird:
    der Mensch (grammatikalisch männlich, gilt aber für alle)

    Folgendes aber schon:
    der Gast (grammatikalisch männlich, gilt nicht für alle)

    Woher weiß ich das denn, dass man Mensch:in nicht braucht?
    Und warum kann es dann nicht heißen:
    der Arzt (grammatikalisch männlich, gilt aber für alle)

    Den Punkt würde ich wirklich gerne verstehen, um auch meine Ausdrucksweise weiter zu verbessern.

    Lieben Gruß

    1. Hallo Stephan,

      danke, dass du deine spannenden Überlegungen teilst. Es gibt tatsächlich schon einige Ideen zu alternativen neutralen Pronomen, Artikeln und sogar Endungen. Dazu kommt hier demnächst noch ein Gastartikel online. Bis dahin findest du hier schon mal ein paar Infos dazu: https://www.lucia-clara-rocktaeschel.de/nichtbinaere-menschen-ansprechen/

      Auch was die Barrierefreiheit betrifft, stimme ich zu – da sind die Varianten mit Sonderzeichen leider alle nicht ideal. Dazu habe ich auch einen Artikel, in dem ich auch weitere Quellen zu dem Thema verlinkt habe: https://www.lucia-clara-rocktaeschel.de/barrierefrei-gendern/

      Zu deiner Frage, warum Mensch nicht gegendert werden muss: Im Deutschen haben ja alle Substantive ein grammatisches Geschlecht. In den meisten Fällen stimmt das mit dem tatsächlichen Geschlecht überein – wie bei „die Frau“ oder „der Mann“. Es gibt aber auch Ausnahmen, zum Beispiel bei „das Mädchen“. Und es gibt Substantive, die auf kein bestimmtes tatsächliches Geschlecht verweisen. Das ist zum Beispiel bei „der Mensch“ oder „die Person“ so. Mit diesen Wörtern kannst du Menschen jedes Geschlechts beschreiben. Der Gast und die Gästin beziehen sich wiederum auf einen männlichen Gast und eine weibliche Gästin.

      Ob ein Wort neutral ist oder es noch eine feminine Form gibt, kannst du gut mit dem Online-Duden prüfen. Dort werden aktuell zu allen generisch maskulinen Begriffen die entsprechenden weiblichen Bezeichnungen hinzugefügt. Wenn es also eine weibliche Variante gibt, genderst du. Wenn es keine gibt, ist das ein Zeichen dafür, dass der Begriff neutral ist. Und dein eigenes Sprachgefühl kannst du auch zu Hilfe nehmen. Beim Beispiel Arzt brauchst du zum Beispiel nicht lang zu überlegen – du weißt ja, dass es auch Ärztinnen gibt. Von einer Menschin oder einer Mitgliederin hast du dagegen wahrscheinlich noch nicht gehört.

      Ich hoffe, ich konnte dir weiterhelfen.

      Liebe Grüße
      Lucia

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